Raumnotizen: der Blog der Space Making Agency


An dieser Stelle teilen wir unregelmässig unsere Erfahrungen mit der Space Making Agency und Gedanken zum Thema Raum.

Raumnotizen 2

Ein Abend, ein Film, eine Paella – oder wie in der Raumstation Geschichten über Raum und Zeit erzählt werden.

Im Frühsommer 2025 luden wir zur Filmvorführung von «Mes amis espagnols» ein. Vor dem Film gabs Paella, von compadre Marcos kunstvoll zubereitet. Die lange Tafel war gut gefüllt, die Raumstation voll mit Leben und unerwarteten Begegnungen.

Kaum waren die Paella leergegessen und die Rotwein-Gläser gefüllt, verwandelte sich die Raumstation in einen Kinosaal. In «mes amis espagnols» begibt sich Filmemacher Adrien Bordone auf die Spur seiner vier Jugendfreunde, die als Kinder mit ihren Eltern von Biel nach Galicien «zurückkehrten».

Der Film berührt. Er zeigt die Zerrissenheit der Familien, das Schweigen über den von den Eltern getroffenen Entscheid, die Schweiz zu verlassen, die Schwierigkeit der Jugendlichen beziehungsweise jungen Männer, im ländlichen und von der Weltwirtschaftskrise hart getroffenen Galicien Fuss zu fassen. Adrien trifft seine ehemaligen Schulkollegen in Galicien, in Deutschland, der Schweiz, auf den Kanarischen Inseln – denn die Suche nach Perspektiven geht auch in dieser Generation weiter.

Mich katapultierte der Film – obwohl ich ihn schon gesehen hatte – zwanzig Jahre zurück. Ich sah mich selbst wieder, in den Küchen der «retornados» sitzen, ausgerüstet mit Interviewleitfaden und Aufnahmegerät. Ich sprach für meine Masterarbeit an der Costa da Morte mit Ehepaaren, die nach über zwei, manchmal drei, Jahrzehnten in der Schweiz wieder in Galicien lebten. Ich hatte vor, semistrukturierte Interviews zu führen, der Fokus sollte auf dem Moment der Rückkehr liegen: Wie hatten sie die Rückkehr in die «alte Heimat» erlebt? Wie haben sie sich eingerichtet? Auf welche Hürden und Möglichkeiten waren sie gestossen?

Doch ich musste schnell feststellen, dass sich die Erzählungen weniger um einzelne biografische Fixpunkte drehten als sich vielmehr in den «Zwischenräumen» aufhielten:

Im grossen Zwischenraum, als den der Aufenthalt in der Schweiz, auch wenn er nicht selten mehr als die Hälfte des Lebens gedauert hatte, wahrgenommen wurde. Als eine Art Warteraum, von dem aus man in das echte Leben übertreten würde.

Die emotionalen Zwischenräume in den Familien, entstanden durch die jahrelange Trennung von Kindern und Eltern, aber auch durch die nicht ausgesprochenen unterschiedlichen Erwartungen an die «Rückkehr» und Ängste davor. Die Spannungen zwischen den Eltern, angehäuft im Ringen darüber, ob die Kinder in die Schweiz nachgeholt werden sollten oder ob man doch zu ihnen nach Galicien zurückkehren sollte; ob man entgegen den ursprünglichen Plänen und prekärer Altersvorsorge in der Schweiz und damit in der Nähe von Kindern und Enkelkindern bleiben sollte.

Der mentale Zwischenraum, geformt im Kampf um Selbstbestimmung und biografische Kohärenz.

Jede Geschichte individuell und doch Teil nicht nur einer kollektiven Narration, sondern auch Resultat eines auf das Ausharren in Zwischenräumen ausgerichteten Migrationsregimes.

«Mes amis espagnols» zeigt ohne Voyeurismus, wie Familien mit Schmerz, Schweigen und widersprüchlichen Entscheidungen leben. Der Filmemacher und seine Freunde erforschen die Gründe für den Rückkehrentscheid der älteren Generation. Es entsteht eine Reflexion über das Exil und die Kluft zwischen den Generationen. Der Film ist aber auch ein Versuch, die Wunden der Kindheit zu heilen. Wenn Martín mit seinem Vater auf dem Sofa sitzt und ihn fragt, warum sie nicht in die Entscheidung einbezogen wurden, hat das etwas wahnsinnig Schmerzvolles und gleichzeitig Wundervolles an sich – der junge Mann, der zu verstehen sucht, gehört werden will, der alte Mann, der vor allem auch sicher selber davon zu überzeugen versucht, das Richtige getan zu haben. So viel gleichzeitige Nähe und Distanz geht unter die Haut.

Der Film erzählt nicht eine abgeschlossene Geschichte – er öffnet vielmehr einen Raum, in dem Erinnerung und Erfahrungen Resonanz finden.

Das wurde auch im Gespräch mit Adrien Bordone, Filmemacher und fünfter Freund im Bund, deutlich. Die Geschichten seiner Freunde und ihrer Familien sind – in unterschiedlichen Varianten – die Geschichten vieler von uns. Einige davon wurden in der Raumstation geteilt – beim Essen, nach dem Film: von den Eltern, die alleine zurückgingen; vom Gefühl, nie gemeinsam am richtigen Ort zu sei. Die persönlichen Erzählungen sind Teil einer kollektiven Migrationsgeschichte.

Für uns als Gastgeberinnen war der Abend ein bewegender Moment. Menschen, Erinnerungen und Geschichten fanden zueinander. Und ist es nicht genau das, was Raum schafft?

PS: Den Film kann man zurzeit auf Play Suisse streamen!

3. Juli 2026 / Marianne für die Space Making Agency

Bilder: Markus Flückiger

Raumnotizen 1

Wir gründeten die Space Making Agency, um Raum zu schaffen – und fanden raus, dass wir dafür mehr Gelassenheit statt Ideen und Möbel brauchen.

Voller Tatendrang gründeten wir im Herbst 2024 die Space Making Agency und begannen die Raumstation mit Möbeln, Ideen und Möglichkeiten einzurichten. Es fühlte sich unheimlich gut an (in der Lebensmitte), ein Experiment zu wagen und einen Ort zu schaffen und vollkommen frei gestalten und bespielen zu können.

An einem verschneiten Wochenende im Emmental füllte sich Flipchart um Flipchart mit Ideen, Fragen, Geistesblitzen und Träumen: Von Vinyl und Whiskey war die Rede, von Suppe und Gesprächen über alles, was einem zwischen Geburt und Tod – und darüber hinaus – begegnet. Filme, Musik und Bücher sollten den Raum beleben und natürlich unsere Gäste. Wir stellten ein mehrmonatiges Programm zusammen. Daneben brüteten wir über Mietverträgen, Handelsregistereinträgen und unserer grossen geteilten Leidenschaft : der Buchhaltung – kaum was Anderes bringt uns ähnlich zuverlässig zur Verzweiflung.

Die Raumstation begann sich zu füllen: mit Tischen, Sesseln, Lampen – und mit vielen Ideen und Wünschen. Aber auch mit dem Leben selbst, in dem sich nicht immer kontrollieren lässt, was gerade wie viel Platz beansprucht. Wir haben im ersten Jahr der Space Making Agency um Menschen und Beziehungen getrauert. Wir navigierten und navigieren durch Erwartungen, die an uns als Berufstätige, als Mütter, Schwestern und Töchter gestellt werden – insbesondere auch durch jene, die wir an uns selbst hatten als Raum-Schafferinnen.

Nach einem Jahr dann die letztlich simple Erkenntnis: Um Raum zu schaffen, müssen wir selbst Raum haben.

Wir beschlossen – dieses Mal im verregneten Graubünden – nicht noch mehr Möbel ins volle Zimmer zu stellen. Stattdessen wollten wir die Dinge mal stehen lassen, sie bei Bedarf verrücken und schauen, was passiert. Beweglich bleiben, spontan reagieren, uns Zeit geben.

Für die Space Making Agency hiess das vorerst: mehr Lustprinzip, weniger striktes Programm; mehr Improvisation, weniger hohe Erwartungen. Raum entsteht nicht (nur) mit Möbeln, Programmen und Plänen, sondern auch durch das Zulassen von Lücken. Durch

das Aushalten von Übergängen und Zwischenräumen. Durch das Vertrauen, dass es manchmal weniger darum geht, etwas zu bauen, als nicht im Weg zu stehen.

Und so wurde und wird die Raumstation nun Schritt für Schritt zu dem Begegnungs-, Lern- und Denkraum, den wir vor Augen hatten: ohne Zwang, aber echt, mit viel Liebe und ein bisschen sparkle.


31. Mai 2026

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